Montag, 22. Februar 2010

Auf der Suche nach Konstanz

Von: Christian

3. Juni 2008: Novak Djokovic steht zum 2.Mal in Folge im Halbfinale der French Open. Aber leicht war der Weg zu diesem Ziel nicht. Im Viertelfinale traf er auf einem jungen Letten, der, gerade 19 Jahre alt, für viel Furore sorgte. 7-5 7-6 7-5 hieß es am Ende, und Djokovic musste richtig beißen, um dieses Match zu gewinnen. Dennoch bedeutete dieses Turnier der grösste Erfolg in der Karriere von Ernests Gulbis. Der Shootingstar schlug unter anderen James Blake oder Michael Llodra, und gabe nur einen Satz ab. „Ich hätte nicht gedacht, dass Paris der Grand Slam wird, bei dem ich mein bestes Ergebnis erziele“, meinte Gulbis damals, „aber ich habe in den letzten Wochen sehr viel auf Sand trainiert und mein Spiel ist viel klüger geworden." Nicht wenige Experten sahen großen Potential in dem 19 jährigen, die Top 20 oder gar 10 wurde ihm zugetraut.

Grosses Talent und ein furioses Turnier, aber es zeigt sich auch im Fall von Gulbis, dass Beharlichkeit und Konstanz Tugenden sind, die unverzichtbar sind, um eine gute Karriere zu starten. Der Lette erreichte im August diese Jahres die Ranglistposition 38, seine höchste Position bis heute. Doch nach diesem Ausrufezeichen folgten keine weiteren, Viertelfinals in Bermuda und in Las Vegas, aber ansonsten verlief der Rest der Saison bescheiden. Doch er beendete das Jahr mit einem für sein Alter respektablen Platz 53.

Der Lette, der neben seiner Muttersprache noch Russisch und Englisch spricht, reifte in der Niki Pilic Tennis Akademie in München. Aus dieser Akademie stammt übrigens auch sein Viertefinalgegner Novak Djokovic. Auch hier zeigt sich, dass Ernest Gulbis in Fachkreisen als grosse Talent gilt, so sei er doch laut Niko Pilic einer der talentiersten Spieler auf der ATP Tour.

Das Jahr 2009 war jedoch ein klarer Rückschritt, dabei fing alles so gut an. In Doha schlug er damals Novak Djokovic 6-4 6-4. Ein positives Signal für den Jahresstart, nur blieb es bei diesem einzigen. Das darauffolgende Match verlor Gulbis gegen Mathieu. Danach lief nicht mehr viel. Es dauerte bis Oktober bis der Lette wieder 2 Matches in Folge gewann (!), eine wahrlich lange Durststrecke. In Tokio erreichte er damals das Viertelfinale, schied gegen Tsonga aus. In St.Petersburg reichte es dann für das Viertelfinale. Doch das blieben die einzigen Turniere, bei denen er besser als Runde 2 war. Und das spricht wahrlich nicht für Konstanz in diesem Jahr, fast immer folgte auf ein gewonnes Match ein verlorenes. Er beendete das Jahr als Nummer 90. 2007 lag er dagegen noch auf 61. Ein Rückschritt, ohne Zweifel.

Was für ein Spielertyp ist Gulbis überhaupt? Zunächst kann man sagen, dass er ein sehr aggresiver Spieler ist. Er sucht möglichst direkte Punkte. Eine Waffe ist seine sehr explosive Vorhand, mit ihr kann der Lette Bälle mit hoher Geschwindigkeit flach über das Netz feuern. Das Problem ist dabei allerdings, dass die Vorhand nicht stabil genug ist. Er kann beeindruckende Winner schlagen, aber auch den nächsten Ball gegen das Netz feuern. Ebenfalls stark und sehr hart ist der Aufschlag des 190 cm großen Letten. Durch seine aggresiven Schläge kann er seine Gegner auch gut nach hinten drängen, woraufhin er effektive Stops einsetzen kann.

Das klingt alles sehr positiv, und erklärt seine schwache Bilanz 2009 wenig. Das Problem liegt wie bei vielen Spielern in der Konstanz. Durch das sehr hohe Risiko, was Gulbis bei seinen Schlägen eingeht, häufen sich leider auch unerzwungene Fehler. Und dies zumeist in sehr ungünstigen Situationen. Damit steckt der Lette in einem Dilemma, da er mit seiner Spielweise vielen Gegnern Probleme bereiten kann, aber durch eine Vielzahl von Fehlern auch schnell gegen schwächere Gegner verliert. Hierzu kommt eine gewisse mentale Schwäche in wichtigen Situationen. Gestern spielte Gulbis gegen Sam Querray. Es stand 5-4 und der US-Amerikaner schlug zum Finaleinzug auf. Doch Gulbis hatte in dieser Phase einige Chancen zum Break, konnte jedoch nicht eine nutzen, was nur zum Teil am starken Aufschlag seines Gegenübers lag.

Mentale Stärke schliesst auch den unbedingten Willen ein, ein Match unbedingt zu gewinnen. Dass ein Spieler auch in schwierigen Phasen kämpft, auch verbunden mit harter Arbeit abseits des Platzes für Erfolg. Auch hierbei ist der Lette oftmals kritisiert worden, so gilt er als ein Spieler, der zwar über grosses Talent verfügt, dem es aber an Diziplin und Willensstärke mangelt. Dies ist eben auch ein sehr wichtiger Aspekt, wen man auf der ATP Tour Erfolg haben will. Denn mentale Stärke ist oft der entscheidente Faktor in knappen Matches. Daneben sollte Gulbis vielleicht das Risiko in seinen Spiel drosseln und dafür mehr Kontrolle in seine Schläge bringen. Aggresivität muss natürlich in seinen Spiel bleiben, aber eine Mischung aus offensiven Spiel und der Vermeidung von Fehler würde vielleicht zu mehr Erfolg führen.

Der Beginn des Jahres 2010 errinert an den des Vorjahres. Doha scheint für den Letten ein gutes Pflaster zu sein. Er kam bis in das Viertelfinale und er war der erste Spieler bei diesem Turnier, der Roger Federer in Schwierigkeiten bringen konnte, so gewann er Satz 2, verlor jedoch das Match. Jedoch war dieses Turnier mal wieder ein Lebenszeichen des Letten. Auch schien er eine bessere Kontrolle in seinem Spiel zu entwickeln, durch die er Fehler reduzieren konnte. Aber in Melbourne folgte wieder ein Rückschlag, Gulbis verlor gegen Juan Monaco in 3 Sätzen, 73 Unforced Error, darunter 7 Doppelfehler, waren in der Statistik zu finden. So schien sich der positive Eindruck von Doha wieder zu verflüchtigen.

In San Jose folgte wieder ein Erstrundenaus, aber letzte Woche in Memphis erreichte er sein erstes Halbfinale seit 2006. Dabei schlug er die Tschechen Radek Stepanek und Thomas Berdych in 3 Sätzen je. Ein positives Zeichen, dass er auch knappe Matches gewinnen konnte. Dann kam die Niederlage gegen Sam Querrey. Die Tatsche, dass er knappe Matches gewann und auch neuerdings "Come On"s nach Winnern von ihm kommen, lässt darauf hoffen, dass den Kampf in sein Spiel aufnimmt. Nächste Woche spielt Gulbis in Delray Beach, und dann wird bald die Sandplatzsaison beginnen mit den French Open als Höhepunkt, bei denen Gulbis vor 2 Jahren einen Überraschung schaffte. Es bleibt zu hoffen, dass die letzte Woche zu einem Art Wendepunkt wird, und nicht ein weiters positives Erlebnis in einem Auf und Ab, das ihm jetzt seit 2 Jahren verfolgt.

Bildquellen:
wikimedia.org
flickr.com

2 Kommentare:

fba hat gesagt…

Super Text! Hat viele Infos drin, die ich noch nicht oder nicht mehr gewusst hatte.

peterdeutsch hat gesagt…

Finde ich auch. Toll geschrieben mien Freund! ;)